Die Herde verlassen: Die Freiheit, den eigenen Weg zu wählen

Manche Entscheidungen fühlen sich wie unsere eigenen an, solange sie dem entsprechen, was andere für uns vorgesehen haben. Sobald wir die Richtung ändern, taucht plötzlich ein Vorwurf auf, den vorher niemand aussprechen musste: „Du bist egoistisch geworden.“ Eine merkwürdige Art, die Freiheit anderer zu achten: Man begrüßt sie, bis sie unbequem wird.
Alfonsina Storni ließ eine Wölfin sprechen, die sich von der Herde löste und in die Berge zog. Das Bild erzählt vom Mut, einen eigenen Weg einzuschlagen. Zugleich wirft es eine unbequemere Frage auf: Sind wir frei, wenn wir einen anderen Weg wählen, oder erst dann, wenn wir für unsere Entscheidung nicht mehr die Zustimmung der Gruppe brauchen?
IN DIESEM ARTIKEL
01 · DER URSPRUNG DER VERSE
Alfonsina Stornis Wölfin: mehr als ein Bild der Auflehnung
Die Verse stammen aus „La loba“, einem Gedicht von Alfonsina Storni aus ihrem ersten Gedichtband La inquietud del rosal (1916). Storni wurde in der Schweiz geboren, wuchs in Argentinien auf und arbeitete als Lehrerin und Journalistin. Sie schrieb in einer Zeit, in der eine Frau, die bestimmte gesellschaftliche Konventionen nicht befolgte, sich dafür rechtfertigen musste – während man von Männern solche Erklärungen selten verlangte. Dass sie als unverheiratete Mutter lebte, gehört zu diesem Hintergrund, erschöpft aber keineswegs die Bedeutung ihres Werks.
„Ich bin wie die Wölfin.
Alfonsina Storni, „La loba“, La inquietud del rosal (1916; für diesen Artikel aus dem Spanischen übertragen, Schreibweise des Originals modernisiert)
Ich löste mich von der Herde
Und ging hinauf in die Berge,
Der Ebene müde.“
Es lohnt sich, auch die Verse rings um diese vier Zeilen zu lesen. Das lyrische Ich spricht von einem Kind, von der Arbeit, mit der es seinen Lebensunterhalt verdient, und von den Blicken jener, die mit dem Finger auf es zeigen. Der Bruch ist keine elegante Pose: Er bedeutet, unter dem Urteil anderer ein ganz konkretes Leben zu führen. Storni widmete das Gedicht außerdem dem Andenken einer Freundin, die sie mit den Initialen J. C. P. bezeichnet. Die lyrische Stimme ohne Weiteres als wörtliches autobiografisches Bekenntnis zu lesen, wäre daher voreilig.
Ein Wort in diesen Zeilen ist besonders aufschlussreich: müde. Die Wölfin zieht fort, erschöpft von Regeln, die sie verurteilen, weil sie den vorgesehenen Weg nicht geht. Doch das Gedicht bleibt nicht bei dieser Müdigkeit stehen: Die Stimme verspottet auch die Schafe und gesteht, Freude daran zu haben, ihnen Angst einzujagen. Diese Schärfe hindert uns daran, die Wölfin zum makellosen Sinnbild der Freiheit zu machen. Sie erinnert uns daran, dass ein berechtigter Bruch durchaus mit dem Wunsch einhergehen kann, jene herauszufordern, die uns verurteilen.
02 · ZUGEHÖRIGKEIT UND GRENZEN
Dazugehören, ohne zu gehorchen: Wenn Zuneigung an Bedingungen geknüpft ist
In Bildern über Freiheit hat die Herde keinen guten Ruf. Im wirklichen Leben kann es jedoch Rückhalt, gemeinsame Erinnerungen und Hilfe in schwierigen Zeiten bedeuten, zu einer Familie, einer Gemeinschaft oder einem Freundeskreis zu gehören. Misstrauen gegenüber allen Menschen macht niemanden klüger. Schwierig wird es, wenn aus Nähe ein stillschweigendes Recht erwächst, über das Leben eines anderen zu bestimmen.
Stellen wir uns eine Frau vor, die viele Nachmittage im kleinen Geschäft ihrer Eltern ausgeholfen hat. Nach dem Studium möchte sie in eine andere Stadt ziehen. Sie hat nie versprochen, das Geschäft zu übernehmen, doch in ihrem Umfeld hat man sich ihre Zukunft so genau ausgemalt, dass ihre Entscheidung wie ein Verrat wirkt. Gespräche über ihren Umzug enden unweigerlich bei all den Opfern, die die Familie gebracht hat, um den Laden am Laufen zu halten.
Ihre Mutter fürchtet, die gewohnte Hilfe zu verlieren; ihr Vater sieht in dem Geschäft eine Familiengeschichte, die fortgesetzt werden sollte. Solche Sorgen verdienen ein Gespräch. Fragwürdig wird es, wenn daraus eine Verpflichtung entsteht, der die Tochter nie zugestimmt hat. Die Nachmittage hinter der Ladentheke gleichen plötzlich einem Vertrag, den ihr niemand je zum Unterschreiben vorgelegt hat.
Nun muss sie beweisen, dass sie nicht aus Egoismus geht, obwohl niemand von ihr verlangt hat, jedes Mal zu begründen, warum sie geblieben ist. Sie entscheidet sich nicht zwischen der Liebe zu ihrer Familie und ihrem eigenen Leben; sie versucht zu verhindern, dass das eine das andere auslöscht.
01
Eine Bindung, die trägt
Sie kann einer Entscheidung widersprechen und sie dennoch respektieren. Sie fragt nach den Folgen, ohne aus Sorge einen Befehl zu machen.
02
Eine Bindung, die kontrolliert
Sie deutet Widerspruch als Undankbarkeit oder Untreue. Akzeptanz gibt es nur, solange du berechenbar bleibst.
Das macht Menschen, die uns Ratschläge geben, noch lange nicht zu Feinden. Manchmal sehen sie Risiken, die wir übersehen haben. Der Unterschied zeigt sich, nachdem sie uns zugehört haben: Eine Warnung lässt uns weiterdenken; eine Forderung verlangt, dass wir damit aufhören.
03 · WAS VERÄNDERUNG KOSTET
Der Preis des Andersseins: Nicht jeder Aufbruch kostet gleich viel
Sich von Konventionen zu lösen, wird oft als makellose Szene erzählt: Jemand erkennt seine Wahrheit, geht fort und kann endlich aufatmen. Was danach kommt, bleibt außerhalb des Bildes. Vielleicht folgt ein schwieriges Familiengespräch, eine Freundschaft verändert sich oder man verliert eine Identität, die jahrelang Sicherheit gegeben hat. Selbst eine richtige Entscheidung kann wehtun.
Auch der Druck einer Gruppe trifft nicht alle gleich. Wer Ersparnisse, eine Wohnung und Menschen hat, die helfen, entscheidet unter anderen Bedingungen als jemand, der finanziell von jenen abhängig ist, mit denen er uneinig ist. Von Mut zu sprechen, ohne diesen Unterschied zu berücksichtigen, kann dazu führen, dass ein Privileg zur moralischen Lektion wird.
Nicht jeder Bruch muss abrupt sein
Manchmal besteht der erste mögliche Schritt darin, eine kleine Grenze zu setzen, eine materielle Alternative vorzubereiten oder nicht länger jede Vorliebe zu rechtfertigen. Vorsicht kann eine Entscheidung schützen, bis sie tragfähig ist; sie bedeutet nicht immer Kapitulation.
Und Schuldgefühle nach einem Nein beweisen nicht, dass wir falsch entschieden haben. Uns kann die Zustimmung eines Menschen fehlen, während wir den Widerspruch weiterhin für notwendig halten. Zuneigung verschwindet nicht auf Befehl, nur weil sich unsere Prioritäten ändern. Darum geht Selbstbestimmung selten mit vollkommener innerer Ruhe einher.
04 · DAS PARADOX DES NONKONFORMISMUS
Wenn Widerspruch zu einer neuen Form des Gehorsams wird
Manche Menschen müssen wissen, was die Mehrheit denkt, bevor sie sich entscheiden. Andere brauchen diese Information ebenfalls, allerdings aus einem scheinbar gegenteiligen Grund: Sie wollen sichergehen, das Gegenteil vertreten zu können. Beide überlassen der Gruppe einen Teil ihres Urteils. Die einen, um dazuzugehören; die anderen, um sich abzuheben.
Rebellion kann zu einer Rolle werden, der man treu bleiben muss. Wer seine Unabhängigkeit zum Banner erhoben hat, fühlt sich vielleicht verpflichtet, Hilfe abzulehnen, obwohl er sie braucht; eine Tradition zu verachten, die er eigentlich mag; oder an einer falschen Meinung festzuhalten, weil eine Korrektur vor anderen wie eine Niederlage erschiene. Er ist einer Erwartung entkommen, nur um in der nächsten zu landen – diesmal hat er sie selbst geschaffen.
Wenn du immer dagegen sein musst, entscheidet die Gruppe noch immer für dich.
Selbst zu entscheiden schließt auch ein, anderen zuzustimmen. Wir können an einem Familienbrauch festhalten, weil wir ihn mögen, einen Rat annehmen, nachdem wir ihn geprüft haben, oder eingestehen, dass jemand recht hatte, dem wir sonst oft widersprechen. Nichts davon macht uns weniger frei. Es ist anstrengend genug, bei jeder Gelegenheit außergewöhnlich sein zu müssen; manchmal arbeitet sogar der erklärte Feind der Herde in Vollzeit daran, dieses Bild aufrechtzuerhalten.
05 · NACHDENKEN, BEVOR WIR WÄHLEN
Woran wir eine eigene Entscheidung erkennen – jenseits von Zustimmung und Ablehnung
Es gibt keinen unfehlbaren Test dafür, ob wir frei handeln. Wir leben in Beziehungen, Pflichten und Umständen, die unsere Wünsche beeinflussen. Es wäre seltsam, wenn eine wichtige Entscheidung davon völlig unberührt bliebe. Entscheidend ist, ob wir diese Einflüsse erkennen und überlegen können, welches Gewicht wir ihnen geben wollen.
Eine persönliche Entscheidung muss weder bequem sein noch für andere unverständlich. Etwas anderes ist wichtiger: die eigenen Gründe erklären zu können, ohne bloß zu wiederholen, was andere von uns erwarten, oder sich damit zu brüsten, gegen alle zu sein.

Unser Verhältnis zur Gruppe kennt mehr als zwei Möglichkeiten. Wir können dazugehören und trotzdem selbst entscheiden. Ebenso können wir räumlich weit entfernt sein und weiterhin ständig darüber nachdenken, was andere von uns halten. Entfernung garantiert keine Selbstbestimmung; Nähe bedeutet nicht zwangsläufig Unterordnung.
Deshalb ist es weniger wichtig, unsere Andersartigkeit zu beweisen, als zu verstehen, woher unsere jeweiligen Reaktionen kommen. Eine Entscheidung wird tragfähiger, wenn wir sie überdenken dürfen, ohne das Gefühl zu haben, damit einer Rolle untreu zu werden.
Vor einer schwierigen Entscheidung kann es hilfreich sein, einige Fragen aufzuschreiben. Sie sollen kein sofortiges Urteil liefern, sondern Motive auseinanderhalten, die sich vermischen, wenn wir die Zuneigung anderer bewahren und zugleich nach unseren Überzeugungen leben möchten.
- Würde ich mich auch dann so entscheiden, wenn niemand davon erführe?
- Handle ich aus Überzeugung oder reagiere ich auf eine Provokation? Was ist tatsächlich geschehen, dass ich die Richtung ändern möchte?
- Welche Folgen bin ich bereit zu tragen? Auf welche müsste ich mich vor dem Handeln besser vorbereiten?
- Wenn ich morgen feststellte, dass ich falschlag, könnte ich meine Entscheidung korrigieren, ohne das Gefühl zu haben, meine Identität zu verlieren?
Die Antworten garantieren nicht, dass wir richtigliegen. Aber sie helfen uns, eine eindrucksvolle Geste von einer durchdachten Entscheidung zu unterscheiden – und nicht jedes begründete Abwarten als Feigheit abzutun.
06 · EINE ART, IN DER WELT ZU SEIN
Eine Freiheit, die keine Feinde braucht
Oft stellen wir uns Unabhängigkeit wie eine Landschaft ohne andere Menschen vor. Doch selbst wer sich bewusst zurückzieht, braucht weiterhin Beziehungen, Gespräche und einen Ort, an dem er sich nicht jede Minute verteidigen muss. Alleinsein kann eine wertvolle Entscheidung sein. Es zur Voraussetzung von Echtheit zu machen, wäre nur eine weitere Regel, so willkürlich wie die früheren.
Vielleicht ist die schwierigste Veränderung gar nicht, eine ganze Gruppe zu verlassen, sondern die Art zu verändern, wie wir in ihr bleiben. Da lernt jemand, mit seinen Eltern zu sprechen, ohne um Erlaubnis fürs eigene Leben zu bitten; jemand nimmt wieder an einer Zusammenkunft teil, ohne vorzugeben, alle Meinungen zu teilen; jemand entdeckt, dass ein Streit nicht zwangsläufig zum endgültigen Bruch führen muss. Auch Bleiben kann eine freie Entscheidung sein, wenn wir unsere Grenzen kennen.
EINE FRAGE ZUM SCHREIBEN
Welche Entscheidung rechtfertigst du immer noch, weil du jemanden nicht enttäuschen möchtest?
Unterscheide zwischen dem, was diese Person tatsächlich von dir verlangt hat, und dem, was du glaubst, dass sie erwartet. Schreibe anschließend auf, was du bräuchtest, um klarer entscheiden zu können.
In Stornis Versen zieht die Wölfin fort, der Ebene müde. Diese Müdigkeit verdient Beachtung, doch sie verpflichtet uns nicht dazu, die Berge zu idealisieren. Fortzugehen kann Raum zum Nachdenken schaffen; zu bleiben kann ermöglichen, eine Beziehung von innen heraus zu verändern. Keine der beiden Bewegungen beweist für sich allein Mut oder Klarheit.
Freiheit beginnt sich wie etwas Eigenes anzufühlen, wenn wir unsere Richtung wählen können, ohne auf Beifall zu warten – und vor allem, ohne ein Publikum zu brauchen, dem wir trotzen.
ZUM WEITERDENKEN
100 Zitate zum Nachdenken und Schreiben
Ein Zitat kann Fragen aufwerfen, für die es keine schnelle Antwort gibt. Dieses angeleitete Journal versammelt literarische Stimmen und Raum zum Schreiben, um ihnen anhand der eigenen Erfahrungen nachzugehen.