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Wohlbefinden und Selbsterkenntnis

Ist es sinnvoll, ein Tagebuch zu führen? Warum Journaling nicht immer wie erwartet hilft

Ein Tagebuch zu führen kann hilfreich sein – aber nicht allein deshalb, weil du Seiten füllst. Viel hängt davon ab, wie du diesen Raum nutzt und was du dir davon erwartest.

Oft heißt es, Schreiben helfe dabei, sich selbst besser kennenzulernen und dadurch bessere Entscheidungen zu treffen. Das kann passieren, geschieht aber nicht automatisch. Du kannst dich jeden Tag hinsetzen, Seite um Seite schreiben und trotzdem das Gefühl haben, dass nach dem Zuklappen des Notizbuchs alles genauso weitergeht wie vorher.

Es kann auch etwas sehr Typisches passieren: Du schreibst über das, was dich beschäftigt, was passiert ist oder wie du dich fühlst, und ohne es zu merken, wiederholst du immer wieder dieselbe Interpretation. Dein Journal wird zu einem Ort, an dem du dich im Kreis drehst, aber nicht unbedingt zu einem Ort, an dem du etwas Neues entdeckst.

Der Unterschied liegt nicht nur darin, dass du schreibst. Er liegt auch darin, wie du schreibst: Lässt du einfach den ersten Gedanken aufs Papier fließen oder hältst du an bestimmten Stellen inne und schaust genauer hin, was du eigentlich schreibst und warum?

IN DIESEM ARTIKEL

Wofür du dein Journal nutzt

Drei Arten zu schreiben

Bewusster schreiben

Es geht nicht darum, gut zu schreiben

01 · BEVOR DU ANFÄNGST

Die Frage ist nicht, ob Journaling gut ist, sondern wofür du es nutzt

Manchmal wird das Journal zu einem Ort, an dem du nur bestätigst, was du ohnehin schon denkst. Du schreibst es auf, ordnest es und gibst ihm eine Form – aber du hinterfragst es nicht. Und je öfter du eine Interpretation wiederholst, desto überzeugender kann sie sich anfühlen.

Genau hier liegt eine Nuance, die leicht übersehen wird: Einen Gedanken aufzuschreiben bedeutet nicht automatisch, ihn besser zu verstehen. Manchmal halten wir damit lediglich unsere erste Version dessen fest, was passiert ist.

Auch Untersuchungen zum expressiven Schreiben weisen darauf hin, dass die Wirkung des Schreibens unter anderem davon abhängt, wie dieser Verarbeitungsprozess stattfindet. Man kann nicht einfach davon ausgehen, dass jede Art des Schreibens dasselbe Ergebnis bringt.

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Bevor du anfängst zu schreiben, stelle dir eine Frage:

Was brauche ich gerade von meinem Journal: möchte ich etwas loswerden, meine Gedanken ordnen oder besser verstehen, was mit mir passiert?

Darauf gibt es keine richtige Antwort. An manchen Tagen musst du einfach nur loswerden, was du mit dir herumträgst. An anderen Tagen möchtest du vielleicht etwas tiefer gehen und dich fragen, was hinter dem steckt, was du gerade schreibst.

02 · DREI ARTEN, ES ZU NUTZEN

Drei Arten, ein Journal zu führen

Bewusstes Journaling

Nicht jede Art zu schreiben erfüllt denselben Zweck. Die eine hilft dir vielleicht dabei anzufangen, eine andere dabei, Anspannung loszulassen, und eine dritte dabei, besser zu verstehen, was gerade in dir passiert.

Das bedeutet nicht, dass eine davon richtig und die anderen falsch sind. Es bedeutet, dass jede Art des Schreibens dich an einen anderen Punkt führen kann.

Problematisch wird es, wenn du etwas Bestimmtes suchst, aber ein Werkzeug verwendest, das für etwas anderes gedacht ist. Wenn du Klarheit möchtest, aber nur ungefiltert alles aufschreibst, was gerade auftaucht, kann schnell der Eindruck entstehen, Journaling helfe dir weniger als erwartet.

Ganz vereinfacht lassen sich drei Formen unterscheiden.

01

Schreiben, ohne viel nachzudenken

Du setzt dich hin und legst los. Es gibt keine bestimmte Absicht, und du hältst nicht lange inne. Du schreibst einfach auf, was auftaucht – fast so, als würdest du laut mit jemandem sprechen.

Das hat einen wichtigen Vorteil: Es reduziert die Einstiegshürde. Du musst vor dem Schreiben nicht wissen, was du schreiben möchtest.

Wenn du jedoch niemals auf das Geschriebene zurückblickst, bleibst du leicht bei dem, was du ohnehin schon kennst. Zwischen dem ersten Gedanken und den Worten auf der Seite liegt kaum Abstand.

02

Schreiben, um etwas loszulassen

Hier ist die Absicht bereits klarer: Du möchtest etwas herauslassen, das du in dir trägst. Das kann Ärger, Angst, Frust, Traurigkeit oder einfach eine Ansammlung von Gedanken sein.

Dieses Loslassen kann echte Erleichterung bringen. Etwas auszudrücken, das sich in dir angestaut hat, kann dafür sorgen, dass es sich zumindest eine Zeit lang leichter anfühlt.

Aber sich nach dem Schreiben besser zu fühlen bedeutet nicht zwangsläufig, dass du besser verstanden hast, was eigentlich mit dir passiert. Manchmal besteht der Nutzen genau darin: Du hast es ausgedrückt.

03

Schreiben, um zu verstehen

Du kannst genauso anfangen wie zuvor: mit einem Gefühl, einem Gedanken, einer Situation oder etwas, das dich beschäftigt.

Der Unterschied kommt danach. Du liest, was du gerade geschrieben hast, hältst inne und beginnst, Fragen zu stellen.

Ist das wirklich genau das, was du meinst? Was steckt dahinter? Beschreibst du einen Fakt oder eine Interpretation? Könnte man die Situation auch anders betrachten?

Ein Journal kann ein Ort sein, an dem du aufschreibst, was du denkst – oder ein Ort, an dem du herausfindest, warum du es denkst.

Diese dritte Form kommt dem reflektierenden Journaling am nächsten. Du nutzt dein Journal nicht nur, um dich auszudrücken, sondern auch, um etwas tiefer nachzudenken, deine ersten Interpretationen zu hinterfragen und dich selbst besser kennenzulernen.

03 · BEWUSSTER SCHREIBEN

Wie du bewusster mit dem Schreiben beginnen kannst

Du musst deine bisherige Art zu journaln nicht komplett verändern. Du kannst sogar zunächst genau so schreiben, wie du es bisher getan hast.

Der Unterschied besteht lediglich darin, kleine Pausen einzubauen, wenn dir ein Satz besonders auffällt.

1

Schreibe ganz normal

Versuche nicht, alles besonders tiefgründig zu formulieren. Beginne einfach damit, das aufzuschreiben, was du gerade loswerden möchtest.

2

Halte inne, wenn etwas auffällt

Wenn dich ein Satz überrascht, sich wiederholt oder besonders wichtig wirkt, lies ihn noch einmal, bevor du weiterschreibst.

3

Stelle dir eine Frage

Du brauchst keine komplizierte Liste. Eine einzige Frage kann reichen, um eine neue Richtung des Nachdenkens zu öffnen.

4

Schreibe von der Antwort aus weiter

Es geht nicht darum, „richtig“ zu antworten, sondern darum, dich von dieser neuen Frage ein Stück weiter führen zu lassen als von deiner ersten Interpretation.

FRAGEN, DIE DIR HELFEN KÖNNEN

  • Warum beschäftigt mich das so sehr?
  • Was möchte ich eigentlich wirklich?
  • Welcher Teil dessen, was ich geschrieben habe, ist ein Fakt und welcher Teil meine Interpretation?
  • Steckt hinter dieser Reaktion etwas, das ich noch nicht sehe?
  • Was könnte ich von hier aus tun, das mir hilft, ohne jemand anderem zu schaden?

Der Unterschied wirkt vielleicht klein, kann aber die Tiefe deines Schreibens deutlich verändern. Schauen wir uns zwei einfache Situationen an.

01

Nach einem Streit

Du könntest zunächst schreiben:

„Was gesagt wurde, hat mich wirklich geärgert.“

Und dann kurz innehalten:

„Mich hat nicht nur geärgert, was gesagt wurde, sondern vor allem das Gefühl, nicht gehört zu werden.“

Die Situation selbst hat sich nicht verändert. Was sich verändert, ist die Tiefe, mit der du deine eigene Reaktion zu verstehen beginnst.

02

Vor einer Entscheidung

Vielleicht schreibst du:

„Ich weiß nicht, was ich mit diesem Job machen soll.“

Wenn du aber weitergehst, kann etwas Genaueres auftauchen:

„Ich weiß nicht, ob ich wirklich gehen möchte oder ob ich einfach Angst vor Veränderung habe.“

Jetzt beschreibst du nicht mehr nur einen Zweifel. Du hast begonnen zu erkennen, was möglicherweise dahintersteckt.

Du musst nicht jeden Satz auf diese Weise analysieren. Wenn jeder Journaleintrag zu einem Verhör wird, kann Schreiben schnell anstrengend werden. Es reicht, gelegentlich bei dem innezuhalten, was wirklich wichtig erscheint.

04 · OHNE PERFEKTION ZU VERLANGEN

Beim Journaling geht es nicht darum, gut zu schreiben

Sobald die Idee auftaucht, bewusster zu schreiben, kann daraus leicht eine neue Anforderung werden. Als müssten von nun an alle Seiten tiefgründig, klar und nützlich sein.

Darum geht es nicht.

Bewusst zu schreiben bedeutet nicht, besser zu schreiben. Es bedeutet lediglich, beim Schreiben etwas präsenter zu sein.

An manchen Tagen kommst du auf einen Gedanken, den du vorher noch nicht gesehen hast. An anderen Tagen musst du einfach nur etwas loswerden. Und es wird Seiten geben, die dir beim späteren Lesen überhaupt nicht besonders wichtig erscheinen.

Dein Journal muss dir nicht jeden Tag eine große Erkenntnis liefern. Es kann ebenso ein Raum für Ausdruck, Erinnerung oder einfach Begleitung sein. Reflektierendes Schreiben ist eine Möglichkeit, keine Pflicht.

Entscheidend ist, dass du weißt, wofür du diesen Raum gerade nutzt. Wenn du nur loswerden möchtest, was dich beschäftigt, ist das völlig in Ordnung. Wenn du etwas besser verstehen möchtest, kann es hilfreich sein, innezuhalten, noch einmal zu lesen und Fragen zu stellen.

KURZ GESAGT

  • Schreiben allein garantiert nicht, dass du besser verstehst, was mit dir passiert.
  • Freies Schreiben kann dir helfen anzufangen und Schreibblockaden zu vermeiden.
  • Schreiben, um etwas loszulassen, kann einen Teil der emotionalen Belastung verringern.
  • Schreiben, um zu verstehen, bedeutet innezuhalten, erneut zu lesen und Fragen zu stellen.
  • Du musst nicht alles analysieren und auch nicht immer zu einem Ergebnis kommen.
  • Wie du dein Journal am besten nutzt, hängt davon ab, was du gerade brauchst.

Am Ende kann ein Journal vieles sein. Ein Ort, an dem du einen schlechten Tag loslässt, eine Lebensphase festhältst oder versuchst, eine Entscheidung zu verstehen, die du seit Wochen vor dir herschiebst.

Der Unterschied liegt darin, es mit etwas Absicht zu nutzen und sich daran zu erinnern, dass manchmal nicht der erste Satz der interessanteste ist, sondern derjenige, der entsteht, nachdem du dich gefragt hast, warum du ihn überhaupt geschrieben hast.

ZUM WEITERDENKEN

Schreibe mit mehr Absicht

Du musst nicht immer Antworten finden. Manchmal reicht es, aufzuschreiben, was du denkst, später noch einmal darauf zurückzukommen und dir eine weitere Frage zu stellen, bevor du deine erste Interpretation für endgültig hältst.